
Es gibt einen inneren Zustand, der weder von Begeisterung noch von Ablehnung getrieben wird und der dennoch alles andere als teilnahmslos ist. In der buddhistischen Tradition trägt er den Namen Upekkha und wird im Deutschen meist mit Gleichmut oder innerer Ausgeglichenheit übersetzt. Gleichmut ist die Fähigkeit, den Wechselfällen des Lebens mit einer ruhigen, weiten und stabilen Haltung zu begegnen, ohne bei jedem Auf und Ab die innere Balance zu verlieren. Er ist eine der am häufigsten missverstandenen inneren Qualitäten und zugleich eine der wertvollsten.
Was Gleichmut nicht ist
Um zu verstehen, was Gleichmut bedeutet, ist es hilfreich, zunächst auszuschließen, was er nicht ist. Gleichmut ist keine Gleichgültigkeit. Ein gleichgültiger Mensch wendet sich ab, weil ihn nichts berührt. Ein gleichmütiger Mensch bleibt zugewandt, gerade weil ihn die Dinge berühren, ohne dass sie ihn umwerfen. Der Unterschied liegt in der Wärme: Gleichgültigkeit ist kalt und verschlossen, Gleichmut ist warm und offen.
Ebenso wenig ist Gleichmut mit Unterdrückung von Gefühlen zu verwechseln. Wer seine Trauer, Angst oder Freude beiseiteschiebt, um ruhig zu wirken, übt keinen Gleichmut, sondern Verdrängung, die sich früher oder später ihren Weg bahnt. Echter Gleichmut lässt Gefühle zu, ohne sich von ihnen fortreißen zu lassen. Man spürt den Sturm, wird aber nicht selbst zum Sturm. Ein passendes Bild ist ein tiefer See: An der Oberfläche mag der Wind Wellen erzeugen, doch in der Tiefe herrscht Ruhe. Diese Tiefe geht nicht verloren, nur weil die Oberfläche in Bewegung gerät.
Die Wurzeln einer alten Übung
In der klassischen Lehre zählt Gleichmut zu den vier sogenannten Geisteshaltungen des Herzens, den Brahmaviharas, zu denen auch Wohlwollen, Mitgefühl und Mitfreude gehören. Innerhalb dieser vier nimmt der Gleichmut eine besondere Rolle ein: Er gilt als jene Qualität, die die drei anderen ausbalanciert und vor ihren Schattenseiten bewahrt. Mitgefühl ohne Gleichmut kann in Erschöpfung und Überforderung umschlagen, wenn wir das Leiden anderer so sehr in uns aufnehmen, dass wir selbst darunter zusammenbrechen. Mitfreude ohne Gleichmut kann sich in oberflächliche Aufgeregtheit verwandeln.
Der Gleichmut fügt allem eine Weite hinzu. Er erinnert daran, dass wir nicht die Kontrolle über die Ergebnisse haben, sondern nur über unsere eigene Haltung und unser eigenes Handeln. Diese Einsicht ist keineswegs resignativ. Im Gegenteil: Sie befreit, weil sie die ständige, zermürbende Anstrengung beendet, die gesamte Welt nach den eigenen Wünschen biegen zu wollen.
Gleichmut als geübte Fähigkeit
Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, Gleichmut für eine angeborene Charaktereigenschaft zu halten, die man entweder besitzt oder eben nicht. Tatsächlich ist er eine Fähigkeit, die sich wie ein Muskel entwickeln lässt. Die Grundlage bildet die Beobachtung, dass zwischen einem Ereignis und unserer Reaktion darauf ein Zwischenraum liegt. In diesem Zwischenraum entscheidet sich, ob wir uns von einem Reiz mitreißen lassen oder eine besonnene Antwort wählen. Gleichmut ist die Kunst, diesen Zwischenraum zu weiten.
Konkret üben lässt sich das an den kleinen Ärgernissen des Alltags, die geradezu ideale Trainingsgelegenheiten darstellen:
- der langsame Rechner, der ausgerechnet dann hängt, wenn es eilig ist
- die kritische Bemerkung eines Kollegen, die man am liebsten sofort kontern würde
- der verpasste Bus und die zehn Minuten unerwartete Wartezeit
- der Regen am eigens geplanten Ausflugstag
In jedem dieser Momente lässt sich innehalten und beobachten, wie im Inneren sofort ein Widerstand aufsteigt, ein stummes Das darf nicht sein. Gleichmut beginnt damit, diesen Widerstand zu bemerken und ihn nicht zusätzlich zu befeuern. Man erkennt an: Es ist bereits so, wie es ist. Aus dieser Anerkennung entsteht ein klarer Kopf für die Frage, was jetzt tatsächlich zu tun ist.
Übungen, die den Gleichmut nähren
Neben der Aufmerksamkeit im Alltag gibt es eine stille Übung, die den Gleichmut gezielt stärkt. Man setzt sich ruhig hin und ruft in Gedanken bestimmte Sätze hervor, die die Haltung des Gleichmuts ausdrücken. Formulierungen wie Alle Wesen sind Erben ihrer Handlungen oder Ich wünsche dir Wohlergehen, doch dein Glück liegt nicht allein in meiner Hand richten den Geist auf die grundlegende Wahrheit, dass wir andere begleiten, aber nicht für sie leben können.
Eine zweite Übung besteht darin, sich regelmäßig die Vergänglichkeit angenehmer wie unangenehmer Zustände bewusst zu machen. Wer im Glück daran denkt, dass auch dieses vorübergeht, klammert weniger und genießt freier. Wer im Leid daran denkt, dass auch dieses vorübergeht, verzweifelt weniger. Diese Einsicht erzeugt eine ruhige Weite, in der weder Gier noch Abwehr die Oberhand gewinnen.
Wenn Gleichmut schwerfällt
Es wäre unehrlich zu behaupten, Gleichmut sei jederzeit erreichbar. Es gibt Verluste, Schmerzen und Ungerechtigkeiten, angesichts derer jede Rede von innerer Ruhe zynisch klingen würde. In solchen Momenten bedeutet Gleichmut nicht, das Gefühl zu verleugnen, sondern es tragen zu können, ohne daran zu zerbrechen. Manchmal besteht die reifste Form des Gleichmuts schlicht darin, sich selbst gegenüber geduldig zu bleiben, während man erschüttert ist.
Wichtig ist die Reihenfolge: Gleichmut ist selten der erste Schritt. Zunächst dürfen Schmerz, Trauer oder Wut gefühlt werden. Der Gleichmut wächst dann langsam als jene Haltung, die diese Gefühle umfängt, ähnlich wie ein weiter Himmel ein Gewitter umschließt, ohne selbst zerrissen zu werden. Wer das versteht, hört auf, Gleichmut als kühle Distanz zu suchen, und beginnt, ihn als eine tiefe, tragende Freundlichkeit gegenüber dem gesamten Leben zu erkennen, mit all seinen unvermeidlichen Wechselfällen.
Die stille Frucht
Ein Mensch, der Gleichmut entwickelt hat, wirkt selten spektakulär. Er drängt sich nicht auf, hält aber Situationen aus, an denen andere zerbrechen. In seiner Gegenwart entsteht ein Raum, in dem auch andere ruhiger werden, weil sie spüren, dass nicht jede Aufregung sofort weitergegeben werden muss. So ist der Gleichmut zwar eine innere Qualität, doch seine Wirkung reicht weit über den einzelnen Menschen hinaus und wird zu einem stillen Geschenk an alle, die ihm begegnen.